DER KRIEG UND DIE KRITIKER
Die Realität im Nahen Osten als Projektionsfläche für
Antideutsche, Antiimperialisten, Antisemiten und andere
Bernhard Schmid
Geht es um die Sache selbst? Um das, was Viele
unbedingt in bzw. hinter der Sache sehen wollen? Oder aber um das, was Andere
darin ihrerseits erblicken und darüber sagen – ohne dass sich die streitenden
Parteien dann allzu lang mit der Wirklichkeit aufhielten? Manchmal dienen
Konflikte und politische Vorgänge, die anderwo stattfinden, zu Hause vor allem
als Projektionsfläche. Auf ihr werden eigene Streitigkeiten, eigene
Unsicherheiten oder eigene (ideologische oder psychologische) Bedürfnisse
sichtbar gemacht. Mit der Realität draußen in der Welt hat das dann nur noch bedingt zu tun, auch
wenn es diese Realität außerhalb der Köpfe der Diskutierenden - und nicht
ausschließlich ein Reden über diese Realität, wie manche postmodernen
Denker glauben machen - selbstverständlich gibt, und im folgenden von dieser
Realität auch noch die Rede sein wird. Ferner darf nicht jeglicher Bezug zum
tatsächlichen Geschehen fehlen. Sonst würde die Projektion ja auf Dauer nicht
funktionieren, sondern sich als bloß selbstbezogenes Reden herausstellen und blamieren. Aber
die Streitenden nehmen in der Regel von dieser Wirklichkeit nur noch das wahr,
was durch die Filter ihrer Wahrnehmung hindurch passt.
In besonderem Maße gilt das anscheinend für Kriege und politische
Entwicklungen im Nahen Osten. Oftmals nimmt der Beobachter die dortige
Wirklichkeit durch ein Raster wahr, das die Interpretation und oft auch schon
die bloße Wahrnehmung der Tatsachen vorab bestimmt.
Hängt doch diese Tatsachenwahrnehmung in hohem Maße bereits von dem Standpunkt ab, den der
Betrachter sich auswählt. Dabei können in Wirklichkeit durchaus mehrere Aspekte
gleichzeitig einen Teil der Realität abbilden, ohne dass sich «die Wahrheit»
bereits darin erschöpfen würde. Antisemitische oder rassistische Thesen sollen
an dieser Stelle ausdrücklich von jeglichem Wahrheitsanspruch ausgenommen
werden. Aber ansonsten öffnen bilden die unterschiedlichen Wahrnehmungsraster
durchaus – jedes für sich – ein Blick auf ein Teilsegment der Wahrheit.
Ärgerlich ist hingegen, dass jede Teilwahrheit ihre jeweilige Anhängerschaft um
sich zu scharen scheint, die den jeweils anderen ihre (als ausschließlich betrachtete) Erkenntnis um die Ohren hauen
möchte.
Standpunkte und
Wahrnehmungsfilter
Nehmen wir den Standpunkt des Antisemiten: Für ihn sind
die Einwohner und Entscheidungsträger Israels in erster Linie Juden, denen er
von vornherein alles Üble und Niederträchtige zutraut. Also können sie auch nur
von vornherein an allen negativen Entwicklungen die Schuld tragen. Und wenn eine
tatsächlich oder vermeintlich kritikwürdige politische Entscheidung in Israel
diese Einschätzung zu bestätigen scheint, so kommt das Ressentiment ungeniert
zum Vorschein, das bis dahin ohnehin immer latent vorhanden war. Besonders
beliebt beim Antisemiten sind in diesem Fall (geht es etwa um Kritik an einem
Militäreinsatz) Vokabeln wie «alttestamentarische Rachsucht» oder auch scheinbar
harmlose Floskeln wie «Auge um Auge, Zahn um Zahn», die jedenfalls klar machen
sollen, dass es sich bei den umstrittenen politischen Entscheidungen nur um eine
Manifestation jüdischer «Wesenseigenschaften» an und für sich
handele. Mögen diese nun in Charakteristika der jüdischen Religion oder gar
in vermeintlichen «Rassemerkmalen» gesucht werden - fest steht für alle Anhänger
solcher Pseudoerklärungen, dass es unwandelbare jüdische «Wesenszüge» gebe, die
sich über 5.000 Jahre hinweg geradlinig von den ersten Kapiteln der Bibel bis in
die heutige Periode verfolgen lassen. Wo also das Wörtchen «alttestamentarisch»
im Zusammenhang mit der israelischen Politik fällt, ist grundsätzlich höchste
Vorsicht angebracht. Wo es dem Sprecher nicht um eine «Rassen»logik bestellt
ist, dürfte es ihm zumindest darum gehen, die konfessionnelle Überlegenheit des
Christentums über die jüdische Religion zu zeigen, da das Neue Testament für das
Aufkommen der Idee göttlicher Vergebung stehe[1].
Nehmen wir den Standpunkt des typischen europäischen
oder nordamerikanischen Konservativen: Für ihn sind die Einwohner und
Entscheidungsträger Israels in erster Linie «Weiße» (da mehrheitlich aus Europa stammend) und die
Bewohner eines relativ wohlhabenden und «zivilisierten Landes» inmitten einer
«Dritten Welt», die er als mehr oder minder barbarische Umgebung wahrnimmt. Rund
herum wohnen Leute, die zumindest grundsätzlich im Verdacht stehen, das
christliche Abendland, die bestehende Weltwirtschaftsordnung oder die «westliche
Demokratie» abzulehnen. Daher müssen sich die Menschen auf der belagerten
Wohlstandsinsel notgedrungen ständig gegen ihre von purer Böswilligkeit
erfüllten Nachbarn schützen, so wie auch Europa oder Nordamerika sich am besten
vor ihren verbarrikadieren würde. Auf ein paar Verluste bei den
«Unzivilisierten» kommt es dabei nicht an. Da der Staat Israel in seinen Augen
zudem für militärische Stärke und ihren erfolgreichen Einsatz gegenüber einer
Umgebung aus verachtungswürdigen Feinden steht, bietet er hinreichend
Identifikationsmöglichkeiten.
Nehmen wir den Standpunkt des deutschen oder
europäischen Philosemiten, der zeigen möchte, dass er durch die von ihm
gezogenen Lehren der Geschichte geläutert worden ist: Ihm wiederum erscheinen
die Einwohner Israels vor allem als Juden, die grundsätzlich seiner Sympathie
bedürfen und die er bevorzugt als Opfer einer jahrhundertelangen Geschichte von
Verfolgung, Diskriminierungen und Pogromen wahrnimmt. Die Nachbarn Israels
stehen auch in seiner Auffassung leicht im Verdacht, ihm grundsätzlich und aus
eigener Böswilligkeit heraus feinselig gegenüber zu stehen. Dabei ist aber in
seinen Augen nicht – wie in jenen des Konservativen – entscheidend, dass es sich
bei diesen Nachbarn um niedere Barbaren handele, sondern dass sie jenem Volk
gegenüber stehen, das so häufig in seiner Geschichte Opfer geworden ist. Im
Unterschied zum Konservativen ist es nicht die Antipathie für die benachbarte
«Dritte Welt», sondern die grundsätzliche Sympathie für die Juden als solche und
ihren Staat -- der auch dessen Entscheidungsträger und ihre jeweilige Politik
einschließt: right or wrong, their country --, die seine
Anschauung prägt.
Nehmen wir schließlich den Standpunkt des Antikolonialisten, in jüngerer Zeit
auch Antiimperialist genannt: In seinen Augen wiederum sind die Einwohner
Israels nicht in erster Linie Juden, sondern vor allem «Weiße». Auch er betrachtet Israel und sein geographisches
Umfeld, indem er verbrecherische Aspekte der europäischen Geschichte im
Hinterkopf behält. Dabei handelt es sich allerdings nicht in erster Linie um die
Judenverfolgung und die Shoah, sondern um die mehrere Jahrhunderte währende
Kolonialgeschichte in Afrika, Asien und Lateinamerika. In seinen Augen
wiederholt die Art und Weise der israelischen Staatsgründung, aber auch die
aktuelle Politik Israels gegenüber den Palästinensern in den noch immer
besetzten Gebieten und gegenüber den arabischen Nachbarländern – etwa dem
Libanon – in vielen Punkten das, was zum Beispiel die französische
Kolonialpolitik in Algerien ausgezeichnet hat. Sein Standpunkt ist am
leichtesten anschlussfähig an die in arabischen Ländern wohl verbreiteste
Sichtweise.
Sicherlich gibt es auch Schnittmengen,
Grauzonen, Mischformen zwischen diesen unterschiedlichen «Idealtypen» bzw.
Rollenmustern. So kann der europäische oder nordamerikanische Konservative
mitunter pro-israelisch, aber zugleich Antisemit oder zumindest Anhänger eines
christlichen, religiös motivierten Antijudaismus sein. Dies gilt beispielsweise
für die Evangeliken, die in der US-amerikanischen christlichen Rechten stark
verankert sind: In ihrer Ideologie muss Jerusalem Schauplatz des, in der
biblischen Apokalypse beschriebenen, Endkampfs zwischen Gut und Böse sein. Und
damit es so weit kommt, gilt es ein «Israel in den biblischen Grenzen»
herzustellen, damit die Prophezeiung der Bibel auch eintreten kann. Doch (Pech
nur für die Juden!) jene, die Christus dabei nicht als den wahren Messias
erkennen, werden dann nebenbei untergehen[2]... Auch kann der konservative oder
wirtschaftsliberale Verteidiger der westlichen Wohlstandsfestung bisweilen
(statt «pro-israelisch») auch «pro-arabisch» sein. Vor allem aus außenpolitischen Motiven oder insbesondere, wenn er
einen erheblichen Teil seines Geldes mit (dem Einfädeln von) Rüstungsexporten in
arabische Staaten verdient. Man denke beispielsweise an einen Jürgen Möllemann,
der genau auf diesem Sektor wirtschaftlich aktiv war, und gleichzeitig auch noch
gerne die Wählerstimmen der Antisemiten zugunsten seiner bürgerlichen Partei
eingesammelt hätte.
Historische Deutungsmuster bei den Konfliktparteien
selbst
Auch die Konfliktparteien selbst operieren im Übrigen
mit ihren jeweiligen historisch-politischen Wahrnehmungs- und
Verarbeitungsmustern.
Der Standpunkt, den große Teile des Publikums in den arabischen Ländern
einnehmen oder jedenfalls bis zur Blütephase islamistischer Bewegungen
eingenommen haben, sieht ungefähr so aus: Ihm erscheinen die Bewohner Israels in
erster Linie als Europäer, die sich im Zeitalter des Kolonialismus, in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf einem Stück vorderasiatischen
Landstrichs niedergelassen und einen Großteil der ursprünglichen Bewohner von dort
vertrieben haben. Die historische Rolle der Shoah dabei wird tendenziell als
eher geringfügig betrachtet, zumal die Besiedlung des historischen Palästina
durch aus Europa kommende Juden (in der Absicht, dort einen eigenen Staat zu
gründen, welche durch die Balfour Declaration von 1917 unterstrichen
wird) bereits im frühen 20. Jahrhundert begonnen habe, also noch vor der
Machtübernahme Adolf Hitlers. Oder aber man erkennt ihr eine stärkere Bedeutung
zu, vertritt aber die Ansicht, dass die Araber im Nahen Osten nicht an der
Vernichtung der europäischen Juden schuldig seien, Europa aber die Folgen des
Holocaust auf ihrem Rücken bewältigt habe, statt einen Nationalstaat für die
Juden innerhalb Europas zu schaffen.
Die Rolle des Staates Israel wird vor allem vor dem
Hintergrund der gemeinsamen Erfahrungen des geographischen Großraums mit den europäischen Kolonialmächten
betrachtet, und Israel gilt überwiegend als ein «weißer» Staat in einer mehr oder minder
unterjochten, auf alle Fälle benachteiligten Umgebung. Vergleiche werden
bevorzugt zur europäischen Siedlungskolonie im damaligen «französischen
Algerien» von vor 1962 sowie zum Staat der Weißen in Südafrika während der Apartheid-Ära
gezogen. Soweit die gängige Optik in vielen arabischen Städten und
Staaten.
Ursprünglich ging es den Vertretern dieses Standpunkts
nicht oder kaum um die jüdische Religion oder eine vermeintliche jüdische
«Rasse». Zum ersten Punkt hätten sie geantwortet, dass man selbst – mehrheitlich
moslemischen Glaubens - kein besonderes Problem mit der jüdischen Religion als
«Buchreligion» habe, und im Übrigen habe man vor der Blütephase des europäischen
Kolonialismus Jahrhunderte lang mit Juden in den Kernländern des Islam zusammen
gelebt. Tatsächlich enthält die moslemische Lehre keinen Anreiz zu besonders
intensiver Missgunst gegen die Juden aus religiösen Gründen - im Gegensatz zum Vorwurf an die
«Gottesmörder », der in früheren
Jahrhunderten im Christentum weit verbreitet war, aber nach dem Holocaust
durch die christlichen Kirchen weitgehend aus ihrer Vorstellungswelt gestrichen
worden ist. Und tatsächlich flohen die Juden aus dem Spanien von 1492, das vom
Katholizismus zurück erobert worden war und durch die Inquisition heimgesucht
wurde, zusammen mit den Moslems nach Nordafrika oder in das damalige Osmanische
Reich und lebten dort Jahrhunderte lang mit ihnen zusammen. Es existierten dort
einige Diskriminierungen gegen Juden und andere Nichtmoslems, die aber harmlos
waren im Vergleich zu den Exzessen der Inquisition und die keiner spezifischen
Verfolgung, sondern dem Überlegenheitsdünkel der dominierenden Religion
entsprangen. Zum zweiteren Punkt hätte man zur Antwort bekommen (und erhält sie
auch heute noch), man selbst gehöre ja als Araber zur «semitischen Rasse» und
könne daher nicht Antisemit sein. Dies ist zwar insofern falsch, als der in
Europa entstandene und historisch geprägte
Begriff des Antisemitismus sich quasi ausschließlich auf die Juden bezieht und vom –
antiarabischen, oder allgemein gegen Einwanderer außereuropäischen Ursprungs gerichteten - Rassismus
deutlich unterschieden werden muss. Aber subjektiv ist der Einwand oftmals
ehrlich gemeint, in dem Sinne, als dass man die Juden tatsächlich keiner anderen
«Rasse» zurechnet als sich selbst; der Begriff «Semiten» bezeichnet freilich
keine solche, sondern eine Sprachengruppe.
In jüngerer Zeit, vor allem seit dem Aufstieg von
radikal islamistischen Parteien in den letzten 20 Jahren, jedoch hat auch eine
Fülle von (im engeren Sinne) antisemitischen Verschwörungstheorien in die
Darstellung der Rolle Israels seitens vieler arabischer Bewegungen oder
Publikationsorgane Eingang gefunden. Oftmals wurden diese Theorien - oder
Bruchstücke davon - aus Europa importiert, wo sie in früheren Jahrzehnten gängig
waren und später infolge der Shoah mehr oder weniger tabu geworden sind,
jedenfalls nicht mehr allzu offen ausgesprochen werden können. Die relativ
rationalen Vorstellungen früherer säkular-nationalistischer oder
linksnationalistischer arabischer Bewegungen werden dabei durch obskurantische
Diabolisierungstendenzen verdrängt, die man mit Hilfe solcher
Verschwörungstheorien unterfüttert. Um die militärische Stärke des - von seiner
räumlichen Ausdehnung her relativ kleinen – Staates Israel und seine
Unterstützung durch einen Großteil des Westens zu erklären, wird auf die
Vorstellung vom «internationalen Zionismus» als eine Art Weltverschwörung (die
auch die westlichen Länder im Griff habe) zurückgegriffen. Das Grundsatzprogramm
der 1987 gegründeten palästinensischen «Islamischen Widerstandsbewegung» oder
Harakat al-Muqawama al-Eslamiya - abgekürzt HaMaS -, das im
darauffolgenden Jahr angenommen wurde, wird beispielsweise stark durch solche
Vorstellungen geprägt: Demnach
haben die Juden in Europa etwa « die Französische und die Kommunistische
Revolution» und die beiden Weltkriege angezettelt (Artikel 22: The powers
which support the enemy)[3]. Auch und besonders im Iran sind ähnliche
Thesen zum Teil des politischen Denkens, in diesem Falle staatsoffiziell,
geworden.
Auf israelischer Seite spielten und spielen die Traumata, die aus der
Verfolgungsgeschichte des jüdischen Volkes und dem Holocaust erwachsen, eine
zentrale Rolle für die politische Selbstsicht. Ihre Bindungskraft als Fundament
der israelischen Gesellschaft hat zwar insofern abgenommen, als die Erinnerung
daran einerseits für die jüngeren Generationen nicht mehr so unmittelbar präsent
ist – und andererseits viele Neueinwanderer nach Israel in den letzten
Jahrzehnten nicht aus Europa und unter dem Eindruck der Judenvernichtung dorthin
kamen. Eine starke Minderheit der Einwanderer nach Israel kam etwa seit den
sechziger Jahren aus arabischen Ländern, nachdem die dortigen jüdischen
Bevölkerungsgruppen in einigen dieser Staaten (vor allem im Zuge des
britisch/französisch/israelischen Überfalls auf Ägypten vom Oktober 1956 sowie
des israelisch-arabischen Krieges im Juni 1967) als «potenziell auf der Seite
des Feindes stehend» schikaniert und unter Druck gesetzt wurden[4]. Viele Neueinwanderer der letzten Jahre nach
Israel kamen freilich direkt aus den USA (was für viele der besonders
fanatischen Siedler gilt), oder aber flohen nach 1990 vor dem Durcheinander und
der ökonomischen Misere in der untergehenden Sowjetunion. Nicht alle dieser
verschiedenen Neuzuwanderer sind also selbst von der Erfahrung der europäischen
Judenvernichtung geprägt, wie es für viele der unmittelbar nach 1945
Eingewanderten, aber auch für (zumindest ältere) Juden aus der ehemaligen UdSSR
gilt. Trotzdem sind die Erfahrungen von Verfolgungen, Pogromen und
Diskriminierungen – auch über den Holocaust hinaus - zentral für die Geschichte
des jüdischen Volkes, und flossen daher auch in das Selbstverständnis Israels
ein. Etwa auch in der Form, dass wir «in jeder erdenklichen Auseinandersetzung
die Stärkeren sein müssen, um nie wieder Opfer zu werden».
Nahezu idealtypisch brachte der ehemalige israelische Justizminister von
der liberal-sakülaren Partei Shinui, Tommy Lapid, die israelische Sicht auf die
eigene Position auf den Punkt, als er am 23. Juli 2006 an der Diskussionssendung
von Sabine Christiansen im ARD teilnahm: «Wenn Menschen uns sagen, dass sie
uns vernichten wollen, wir glauben ihnen. Als Hitler geschrieben hat in Mein
Kampf, dass er uns vernichten will, haben wir es nicht geglaubt. Ich habe
heute Ihr Holocaust-Monument hier in Berlin besichtigt. Wenn Sie verstehen
möchten, was in Israel vorgeht, müssen Sie verstehen, dass wir keine Risiken
eingehen können. Es gab sechs Millionen Tote in Auschwitz, jetzt leben sechs
Millionen Menschen in Israel. Und der Präsident des Iran hat versprochen und die
Hisbollah ebenfalls versprochen, uns zu vernichten. Und wenn man uns vernichtet,
dann werden Sie ein Problem haben, noch einen solch großen Platz zu finden mitten in
Berlin.»
Auch in der innenpolitischen Auseinandersetzung in Israel werden die aus
dieser Geschichte rührenden Traumata angerufen, und mitunter als Waffe im
ideologischen Kampf eingesetzt. Dies gilt vor allem für die Rechtsnationalen und
Nationalreligiösen, aber es trifft nicht auf sie allein zu.
Schon im Dezember 1948 verglichen jüdische Kritiker
der rechtsnationalistischen Strömung im neu gegründeten Staat Israel die dort
entstandene Herut-Partei (Freiheits-Partei), den Vorläufer des späteren Likud
Blocks, in einem Leserbrief an die New York Times[5] «in Organisation, Methoden, politischer
Philosophie und sozialem Tonfall» explizit mit Nationalsozialisten und
Faschisten. Zu den Unterzeichnern zählten Hannah Arendt und Albert Einstein. Sie
nahmen Bezug auf ein von paramilitärischen Einheiten der Herut-Partei (Irgun) in
dem arabischen Dorf Deir Yassin im April desselben Jahres verübtes
Massaker[6], bei dem gut 100 Menschen getötet wurden und das
den Auftakt zur Vertreibung der altansässigen Bevölkerung noch vor Beginn des
israelischen Unabhängigkeitskrieges bildete. Die Kritik daran ist berechtigt --
aber eine Parallele zu den Methoden der Nationalsozialisten und damit auch zur
Planung und Durchführung des Holocaust zu ziehen, war und ist falsch. Denn es
ging dabei um die Eroberung von Land als Hauptzweck. Dagegen war bei der Shoah
die angestrebte Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe nicht einem
Hauptzweck als (verbrecherisches) «Mittel» untergeordnet, sondern die
Vernichtung selbst stellte den Zweck an sich dar. Auch wurden mehrere
Hunderttausende arabische Einwohner im Zuge der Aufteilung des historischen
Palästina vertrieben, aber war es nicht angestrebt, ihre gesamte
Bevölkerungsgruppe physisch auszulöschen.
Einsatz von Erinnerung als politische Waffe
Ein extremes, aber folgenschweres Beispiel des
Appells an historische Traumata für aktuelle politische Zwecke lieferte die
Mobilisierung der israelischen Rechten und extremen Rechten in den Jahren 1994
und 1995 gegen den damaligen Premierministers Yitzhak Rabin. Den Hintergrund
dafür bildete, dass Rabin im September 1993 dem – unter Israelis wie unter
Palästinensern umstrittenen, und viele essenziele Streitfragen ausklammernden -
Grundsatzabkommen von Oslo zugestimmt hatte. Häufig wurde Rabin dort nicht nur
als «Verräter» beschimpft, sondern massenhaft auf Plakaten in SS-Uniform
dargestellt, was für nichts Anderes stand als für die Aussage, dass er (durch
das Abkommen mit den Palästinensern) die Vernichtung des jüdischen Volkes zu
Ende führe. Die Stimmung wurde damals derart aufgeheizt, dass Rabin im November
1995 durch einen jüdischen Rechtsextremisten, Ygal Amir, ermordet wurde.
Einige Monate später wurde der
rechte Gegner des Oslo-Abkommens Benjamin Netanyahu, der sich von diesem
Plakatmotiv distanziert, aber an allen entsprechenden Demonstrationen
teilgenommen und keine von ihnen wegen entsprechender Sprechchöre vorzeitig
abgebrochen hatte, zum Premierminister gewählt[7]. (Die Bombenanschläge der Hamas zu jener Zeit
hatten dabei ebenfalls mitgewirkt.) Die Abbildung aktueller Geschehnisse auf die
Folie der historischen Erinnerung kann jedenfalls auch als politische Waffe
dienen.
Netanyahu selbst, inzwischen auf eine Rechtsaußenposition in der israelischen Politik gewandert und
Oppositionsführer an der Spitze des Likud-Blocks, hat sich übrigens während des
jüngsten Libanonkriegs ebenfalls wieder durch die Anrufung historischer
Parallelen hervorgetan. In einem BBC-World-Interview vom 7. August
2006[8] verglich er den Libanon mit Nazideutschland,
Israel mit Großbritannien während des Zweiten Weltkrieges und die
Bombardierungen von heute mit denen von damals. Der einzige Unterschied sei,
behauptete Netanyahu, dass «die Bomber 1941-43 von Propellern getrieben waren,
und heute von Düsen getrieben sind», und dass damals noch keine
«Propaganda-TV-Kameras» die Weltöffentlichkeit mit Bildern versorgt hätten. Der
Likudblock unter Netanyahu ist nunmehr, nach dem 33tägigen Libanonkrieg vom
Juli/August 2006, noch zusätzlich politisch gestärkt worden. Tatsächlich kommt
ihm zugute, dass viele Israelis der aktuellen Regierung der Großen Koalition unter Ehud Olmert und Amir Peretz eine
schlechte Vorbereitung und militärische Durchführung des Feldzugs im nördlichen
Nachbarland vorwerfen. Nach verbreiteter Auffassung hat Israel seine Kriegsziele
im Südlibanon nicht erreicht – was die Einen (vor allem auf arabischer Seite)
auf den massiven Widerstand der Hizbollah, und die Andere (namentlich auf
israelischer Seite) auf eine nicht hinreichend rabiate Kriegsführung
zurückführen. Insbesondere wird von rechts her kritisiert, die israelische
Regierung habe die Bodenoffensive im Libanon zu spät begonnen und nicht
hinreichend ausgeweitet. In diesem innenpolitische Klima in Israel nimmt der
Likudblock neuen Aufschwung.
Besondere Aufmerksamkeit in Europa
Diskussionen über Kriege und politische Vorgänge im Nahen Osten
stoßen in Europa auf ein hohes Maß
an Aufmerksamkeit. Überschnittlich hohe Aufmerksamkeit - so monieren jedenfalls
einige Kritiker [9] - wenn man im Vergleich etwa an jene denke, die den Toten in der
sudanesischen Kriegsprovinz Darfur[10] oder im indisch-pakistanischen Konflikt um Kaschmir zuteil werde. Die Gründe
dafür sind in einem Bündel aus Motiven zu suchen.
In Deutschland oder Österreich beinhaltet der Blick
auf den Konflikt im Nahen Osten wohl immer auch einen Blick in den Spiegel der
eigenen Nationalgeschichte -- da ein Teil der frühen Bewohner Israels deshalb in
diesen Staat gegangen ist, weil vom damaligen Großdeutschland ausgehend der Versuch unternommen
wurde, die europäischen Juden restlos zu vernichten. Anderswo auf dem
Kontinent, etwa in den südeuropäischen Ländern wie Italien und Griechenland, ist
die Aufmerksamkeit aber kaum weniger intensiv. Neben der relativ unmittelbaren
Nachbarschaft im Mittelmeerraum spielt hier auch eine wichtige Rolle, dass das
historische Palästina, das heutige Israel und auch Teile des Libanon als das
«heilige Land» betrachtet werden. Dieses glaubt man aus den Bibelerzählungen der
eigenen Kindheit doch intim zu kennen, so dass man sich bewusst oder unbewusst
den dortigen Ereignissen in besonderer Weise verbunden glaubt, gemessen
jedenfalls an Vorgängen anderswo in Asien oder in Afrika.
Nicht zuletzt spielen auch weitere objektive Faktoren,
wie die besonders intensive Verwicklung internationaler Großmächte und besonders der USA – als Hauptstütze
der israelischen Politik – sowie die hohe Bedeutung der Nahostregion für die
Rohstoffversorgung Europas, eine Rolle für die Beobachter. Und auch die
Präsenz sowohl der seit Jahrhunderten bestehenden jüdischen Gemeinden, als auch
einer (im Vergleich zu anderen internationalen Großregionen) relativ beträchtlichen Anzahl von
Einwanderern aus arabischen oder moslemisch geprägten Ländern in Europa trägt
sicherlich mit zu der Aufmerksamkeit bei.
Deutschland und Österreich: extreme
Polarisierung
Am polarisiertesten, verglichen mit wohl allen
anderen außerhalb der Konfliktzone selbst gelegenen Ländern, verläuft
die Debatte über den Nahostkonflikt und den Libanonkrieg vermutlich in den
deutschsprachigen Ländern. Dies hat natürlich unmittelbar mit der gemeinsamen
Geschichte Deutschlands und Österreichs, insbesondere auch während ihres
Zusammenschlusses im so genannten «Großdeutschen Reich» und unter dem Nationalsozialismus, zu tun.
Unweigerlich dient diese historische Realität vielen Streitenden und
Diskutierenden als Projektionsfläche, und vor ihr als Hintergrund werden die
aktuellen Vorgänge diskutiert. So suchen sich manche Deutschen (oder
Österreicher) historische Entlastung, in ihrem Wunsch nach einer «endlich wieder
normalisierten Nation» - ohne eine die positive Identifikation störende
Erinnerung -, indem sie sich nunmehr lauthals darauf berufen, dass «die Juden
und Israelis ja auch Verbrechen begehen... und wir uns deshalb nicht immer unsere Geschichte vorhalten lassen
müssen». Andere versuchen sich dagegen gerade dadurch ein reines Gewissen und
einen ungestörten Bezug zur Nation zu verschaffen, dass sie sich
demonstrativ auf die Seite Israels stellen und dadurch glauben, ja nunmehr «zu
den Guten zu gehören». Von dem zu reden, was wirklich im Nahen Osten passiert,
ist angesichts dieser starken projektiven Bedürfnisse gar nicht so
einfach.
«Polarisiert» bedeutet in diesem Zusammenhang
nicht, dass es in Deutschland (oder Österreich) die heftigsten
Zusammenstöße zwischen Regierungs- und Oppositionslager hinsichtlich
ihrer Position zu den Konflikten im Nahen Osten gäbe. Im Gegenteil fällt diese
in den deutschsprachigen Ländern deshalb relativ schwach oder unbedeutend aus,
weil die allertiefsten Gräben im Lager der üblichen Kritiker der
Regierungspolitik und/oder der herrschenden Gesellschaftsordnung selbst klaffen.
Linke oder sozialpolitische Opponenten, die sonst regelmäßig gegen Regierungsbeschlüsse oder konservative Vorhaben
und erst recht gegen rechtsradikale Umtriebe protestieren, sind sich in dieser
Debatte plötzlich nicht mehr grün. Ja, beschimpfen einander mitunter unumwunden
(je nach Position und Wortwahl) als Nazis[11] oder zumindest als Anhänger einer den Nazis
ähnlichen Ideologie, als Kollaborateure der Herrschenden, als Kriegstreiber und
Schreibtischtäter. In abgeschwächter Form und mit geringerer verbaler Härte
durchzieht dieser Streit fast alle üblicherweise als progressiv geltenden
Milieus. Zunächst erfasste er die publizistische Szene und die außerparlamentarische Linke, hat nun aber inzwischen
auch, beispielsweise, die Linkspartei.PDS erreicht[12]. Die Berliner tageszeitung oder kurz
taz, früher das Debattenforum der gesamten alternativen Linken und heute
eher der grünen Partei nahe stehend, dokumentiert in den letzten vier Wochen
Beiträge absolut konträren Inhalts[13]. Inmitten dieses heftigen ideologischen Disputs
traut sich der größte Teil der im weiteren Sinne links Politisierten nicht
mehr, überhaupt noch (aktiv) Position zu beziehen, sondern zieht sich vielmehr –
Zweifel gegenüber allen Streitparteien und geäußerten Positionen vorbringend – auf eine relative Passivität
zurück. Im Umkehreffekt dominieren dann natürlich die eher problematischen
Kräfte und Aussagen zum Beispiel viele Anti-Kriegs-Demonstrationen. Denn die
abwägerenden und eher nuancierten Positionen enthalten häufig Intelligenteres
als jene solcher AktivistInnen, die es sich gern auch mal einfach machen.
Darin unterscheidet sich die Situation in den
deutschsprachigen Ländern erheblich von jener, die beispielsweise in den USA
oder in Frankreich anzutreffen ist. Dort ist die Auseinandersetzung um die
Positionierung zu den Kämpfen im Nahen Osten im Wesentlichen (auch wenn diese
Feststellung leicht vergröbernd ist) eine Links-Rechts-Auseinandersetzung; davon
wird unten noch ausführlich die Rede sein. Jedenfalls in dem Sinne, dass auf der
einen Seite des aktiv ausgetragenen Streits - auf der Straße jedenfalls - linke Protestler zu finden sind,
auf der anderen Seite vor allem konservative Vertreter des Establishments
stehen, wobei die sozialdemokratischen Parteien in beiden Fällen eher der
zweiteren Position zuneigen. In Wirklichkeit liegen jedoch auch hier die Dinge
ein wenig komplizierter. Doch betrachten wir uns zunächst die Situation in den
deutschsprachigen Staaten.
Von den Stolpersteinen und
Fallstricken der linken Kritik an Israel in Deutschland
Historisch betrachtet, überwog in der
Nachkriegszeit unter den nachwachsenden deutschen Linken zunächst klar eine
pro-israelische Haltung. Dabei spielte nicht nur das Mitgefühl mit den in Israel
wohnenden Überlebenden oder vor dem Holocaust Geflohenen eine Rolle, sondern
auch, dass von offizieller westdeutscher Seite her längere Zeit noch keine
zwischenstaatlichen diplomatischen Beziehungen zum Staat Israel aufgenommen
wurden.
Die Bundesrepublik leistete zwar ab den fünfziger
Jahren so genannte «Wiedergutmachungszahlungen» an Israel, die auch im doppelten
Sinne des Wortes aufgefasst wurden. Also in dem Sinne, dass es sich um
Reparationen für begangene Verbrechen handele - aber auch in jenem Sinne, dass
deren Folgen dadurch «wieder gut gemacht» würden, sprich dass man sich seine
Eintrittskarte zur Aufnahme in den Club der zivilisierten Nationen und seine
Akzeptanz damit erkaufen könne. In diesem Sinne wirkte auch der deutliche
Philosemitismus der ansonsten nationalistischen und autoritären Springerpresse.
Aber diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern wurden erst im Jahr 1965
aufgenommen, in demselben Jahr, in dem die Zahlungen infolge des 1952 in
Luxemburg unterzeichneten «Wiedergutmachungsabkommens» ausliefen (mit Ausnahme
der Rentenzahlungen an persönlich Geschädigte u.ä.). Bis dahin hatten zweifellos
Vorbehalte im Weg gestanden, die mit der Präsenz zahlreicher alter Nazis in
Wirtschaft, Verwaltung und Justiz der westdeutschen Nachkriegsjahre zusammen
hingen. Man denke nur an den berüchtigten Hans Globke, der einstmals
juristischer Kommentator der Nürnberger Rassengesetze gewesen war und die
Sondergesetze zur Enteignung und Entrechnung der Juden in der besetzten Slowakei
ausgearbeitet hatte, und 1953 dann zum Kanzleramtsminister unter Bundeskanzler
Konrad Adenauer aufstieg. Erst in diesem Jahr 2006 bekannt wurde[14] im Übrigen, dass westdeutsche Stellen in den
späten fünfziger Jahren vom Aufenthaltsort des NS-Massenmörders Adolf Eichmann
wussten und diese Informationen auch an die amerikanische CIA weitergaben -
beide Dienste aber übereinkamen, diese Nachrichten nicht an Israel weiter zu
geben. Im Hintergrund stand der Wunsch, zu verhindern, dass durch einen
spektakulären NS-Prozess die Aufmerksamkeit auf den Schreibtischtäter im
westdeutschen Kanzleramt gelenkt werde. 1960 dann schafften es die Israelis auch
allein, Eichmann in Argentinien gefangen zu nehmen. Die Episode wirft ein recht
bezeichnendes Schlaglicht auf die Hintergründe der damaligen Beziehungen
zwischen den beteiligten Staaten.
Doch in vielen Fällen idealisierten die deutschen
Nachwuchslinken dabei den israelischen Staat und nahmen ihn als ein falsches
Idyll wahr, im Sinne eines verwirklichten wahren Sozialismus im Kibbuz. Von den
militärpolitischen und geostrategischen Zusammenhängen der Region wusste man oft
nur wenig. Und generell waren internationale Themen damals weitgehend
unterbelichtet. Deshalb wurde die bis dahin vor allem moralisch und emotional
begründete Näheposition zu Israel auch empfindlich erschüttert, als um die Mitte
der 60er Jahre erstmals internationale Themen und Dritte-Welt-Solidarität in die
bis dahin relativ heile Welt der Linken im westdeutschen Wohlstandsstaat
hereinbrachen: Demonstration gegen den Schah-Besuch in Westberlin, Vietnamkrieg,
Faszination für die Kulturrevolution in China (oder was man aus der Ferne für
deren Realität hielt). Ein Teil der sich radikalisierenden Linken vollzog
deshalb innerhalb kürzester Zeit einen scharfen Paradigmenwechsel, beschleunigt
infolge der israelischen Stärkedemonstration im Sechs-Tage-Krieg von 1967.
Erstmals wurde damals das Problem der palästinensischen Flüchtlinge wahrgenommen
Ein damals Beteiligter schrieb dazu einige Jahre
später im Rückblick, nachdem er (laut eigenen Angaben aufgrund einer in der
Palästinasoldarität angetroffenen Unsensibilität gegenüber dem Holocaust; aber
in Wirklichkeit wohl auch aufgrund des totalen Scheitern der maoistischen
Partei, der er angehört hatte, also der 1980 aufgelösten KPD/AO) bereits wieder
mit dem neuen Paradigma gebrochen hatte: «In den frühen 60er Jahren spielte
Israel für die fortschrittliche bzw. demokratische Bewegung in Deutschland
ungefähr die Rolle, die in den späten 60er Jahren China spielte: Israel galt als
besonders demokratisches Land, als sozialistisches Ideal mit seinen Kibbuzim und
als Bastion des Antifaschismus. Viele junge Deutsche sind aus antifaschistischer
Einstellung heraus nach Israel gegangen, haben in den Kibbuzim gearbeitet und
dies als einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus verstanden. Die Positionen
der arabischen Staaten gegenüber Israel wurden entweder nicht zur Kenntnis
genommen oder für Relikte des Antisemitismus gehalten, das Schicksal des
palästinensischen Volkes war vollkommen unbekannt, und auch der Befreiungskampf
der Algerier hat an dem blinden Fleck im Auge der demokratischen Jugend in
Deutschland gegenüber den Problemen der arabischen Welt nichts geändert. (...)In
keinem Land Europas war die Identifikation von Antifaschismus und
pro-israelischer Haltung derart stark. Das begann sich erst 1967 während und
nach dem Krieg zu ändern, wobei die Berichterstattung der Springerpresse eine
gewisse Rolle spielte, vor allem ihr Versuch, pro-israelische Sympathien in
Deutschland gegen die schon ziemlich entfaltete antiimperialistische Bewegung zu
mobilisieren. Dieser Prozeß des Umdenkens ging aber sehr langsam vor sich.
(...)Am 5.6.1967 befanden sich Tausende von Studenten auf dem Campus der Freien
Universität Berlin. Sie protestierten gegen die Erschießung Benno Ohnesorgs, der bei
einer Demonstration am 2. Juni gegen den Schah in Berlin den Tod gefunden hatte.
Als die Nachricht vom Ausbruch des Krieges eintraf, bildeten sich um die wenigen
arabischen Studenten Diskussionstrauben. Die arabischen Studenten fanden weder
Gehör noch Verständnis, sondern ertranken fast in einem Meer an
Feindseligkeit.»[15]
(Peter Tautfest; der
einstige linke Aktivist ist im Januar 2003 verstorben.)
Ein Teil der linken Außerparlamentarischen Opposition (APO) vollzog aber nun in
dieser Frage einen schnellen, abrupten und oftmals kaum reflektierten
Kurswechsel. Das Ergebnis war, dass die einstmals in hohem Maße moralisch begründete Haltung der Verbundenheit
mit Israel nunmehr im Nachhinein von manchen Protagonisten als eine Art
Missbrauch ihrer Gefühle empfunden wurde. Diese Form von emotionalem Betrug, so
das subjektive Empfinden bei manchen Protagonisten, habe sie damals blind für
die «Opfer der Opfer» (so lautete ein seinerzeit ziemlich beliebter Ausdruck)
werden lassen. Die daraus erwachsenden moralischen Bauchschmerzen und der
Versuch, das Ruder der eigenen Orientierung möglichst schnell herum zu werfen,
endeten häufig in Verrenkungen und Gestikulationen, die den eigenen
Gewissensbissen Genüge tun sollten. Durch schrille Töne sollte das bisherige
historische Schuldgefühl, das nun durch neue Schuldgefühle (bezüglich der
eigenen vorherigen Haltung) angegriffen wurde, übertont oder abgewehrt werden.
Daher rührt der, u.a. von Kritikern dieser Umorientierung wiederum benutzte,
Begriff der «Schuldabwehr».
Nur so ist eine Wahnsinnstat zu erklären, zu der in
keinem der Nachbarländer Vergleichsmöglichkeiten gefunden werden können. Wie
durch das Buch von Wolfgang Kraushaar Die Bombe im jüdischen
Gemeindehaus[16] im Juli 2005 erstmals einer breiteren
Öffentlichkeit bekannt wurde, hatten Angehörige einer linken Splittergruppe am
9. November 1969 eine Bombe in einem jüdischen Gemeindezentrum in Westberlin
deponiert. Der mutmaßliche politische Hintermann des – gescheiterten –
Anschlags, der Aktivist und Anführer der «Haschrebellen» Dieter Kunzelmann hatte
damals die Zielsetzung formuliert, die Linke müssen ihren «Judenknax»
überwinden. Also einen «Knacks» oder Schuldkomplex, der mit der deutschen
Geschichte und dem Holocaust zusammen hänge. In Detailfragen ist das Buch von
Kraushaar umstritten. Aber unstrittig ist, dass es diesen Attentatsversuch einer
Splittergruppe, die sich nach einer Guerillabewegung im lateinamerikanischen
Uruguay als «Tuparamos Westberlin» bezeichnete, tatsächlich gegeben hat.
Dass der größte Teil der damaligen Linken und der APO nicht dahinter
stand, sondern weitaus mehr eine «faschistische Provokation» vermutete, und dass
nach Kraushaars Enthüllungen ein Agent Provocateur des
Verfassungsschutzes den (dann im entscheidenden Moment nicht funktionierenden)
Sprengkörper zur Verfügung gestellt hatte, ändert daran
nichts.
Auch die auf den ersten Blick kaum nachvollziehbare
politische Laufbahn eines Horst Mahler kann nur vor dieseh Hintergründen, die
oftmals Abgründe waren, erklärlich werden. Vom manierlichen Sozialdemokraten und
späteren Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) –
Kernorganisation der APO in den Jahren um 1968 – sowie engagierten Rechtsanwalt
der radikalen Linken, über die Zugehörigkeit zur bewaffnet kämpfenden RAF, dann
den Übertritt zur maoistischen Operettenpartei KPD/AO in der Haftanstalt, die
spätere Konversion zur FDP und schlussendlich die Aktivität bei der
neonazistischen NPD (die er inzwischen aber wieder verlassen hat, ohne dem
rechtsextremen Gedankengut sehr fern zu stehen): Auf den ersten Blick wirkt
diese Karriere wirr und vollkommen unverständlich. Nun kann eine gewisse Portion
an Wirrköpfigkeit der Person nicht ausgeschlossen werden. Aber die Gründe dafür,
dass Horst Mahler überhaupt auf diese Art von einer politisch-ideologischen
Strömung zur anderen gleiten konnte, liegen tiefer und hängen mit einigen
politischen Grundkonstanten zusammen.
So hat Horst Mahler, den seit den sechziger Jahren
von den dynamischen Strömungen der Zeit mitgewirbelt wurde, seinen
Radikalisierungsprozess vom jungen bürgerlichen (sozialdemokratischen)
Antifaschisten zum «Revolutionär» bestimmt als Akt der Befreiung erlebt, der ihn
auch einige verfehlte «Schuldkomplexe» abwerfen ließ. Diese identifizierte er sich sicherlich im Nachhinein mit
einer Form der ideologischen Dominanz, die von den herrschenden Kräften ausgehe.
An die Vernichtung der europäischen Juden erinnert zu werden – in einer Zeit, da
die sich schnell radikalisiernden jungen Linken Hals über Kopf in einen neuen
internationalen Kampf gestürzt hatten, und den israelisch-palästinensischen
Konflikt vor allem als einen Nord-Süd- oder Kolonialkonflikt wahrnehmen – musste
ihm daher subjektiv als eine besonders penible Erinnerung an die Tabus aus der
Zeit seiner bürgerlichen Existenz erscheinen. Dieser mit dem Impetus des
revolutionären Aufbegehrens verbundene «Tabubruch», den Mahler beibehalten hat,
auch als er jeden emanzipatorischen oder gesellschaftsverändernden Anspruch
bereits aufgegeben hatte, führte ihn späterhin geradewegs zum Rütteln am
(vermeintlichen) gesellschaftlichen «Tabu» des Antisemitismus. Dass
antisemitischen Motiven heute bei Horst Mahler zentrale Bedeutung zukommt, ist
völlig klar, wenn der Mann beispielsweise in einer Erklärung von 2001 schreibt,
«die Völker» müssten sich gegen «die mammonistische Weltherrschaft» und «Israel,
den biblischen Völkermörder» erheben[17]. Eine deutsche Karriere...
Horst Mahler ist mit Sicherheit nicht repräsentativ
für eine gesamte (politische) Generation, er ist sogar weit davon enfernt. Aber
sein Werdegang illustriert, als auf die Spitze getriebenes Extrembeispiel, eine
über ihn hinausweisende Problematik.
«Endlösung» im
Libanon ?
Nicht mit potenziell tödlichen Konsequenzen einher
gehend, aber ebenfalls politisch desaströs waren spätere Tendenzen, in einem
politischen Spannungsmoment wie auf dem Höhepunkt der israelischen Invasion im
Libanon (1982) das Vokabular des NS und des Holocaust auf die israelische
Kriegsführung und die mit ihr verbundenen Massaker anzuwenden. In mindestens
zwei linken Medien, in der Revue Pardon im Juli 1982 und in der linken
Monatszeitung AK (damals noch Arbeiterkampf, später Analyse und
Kritik) im September 1982, wurde in diesem Zusammenhang die Formulierung von
der drohenden «Endlösung der Palästinenserfrage» benutzt. Israel war damals im
Libanon einmarschiert, um die im Süden des Landes sitzende Palästinensische
Befreiungsorganisation (PLO) zu vertreiben, deren Führung infolge der Belagerung
von Beirut in die tunesische Hauptstadt Tunis ausgeflogen wurde. In diesem
Kontext hatte Israel eine zweimonatige Hungerblockade über Westbeirut, wo die
Palästinenser dominierten, verhängt und im September 1982 von den verbündeten
christlich-rechtsradikalen Milizen der libanesischen «Falange» (arabisch
Kataeb) ein Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und
Schatila anrichten lassen. Dort starben rund 2.000 Menschen, in «Vergeltung» für
die Tötung des libanesisch-christlichen Präsidenten Baschir Gemayel, der aus den
Reihen der Falange kam. Ein verbrecherisches Massaker, aber zweifellos keine
«Endlösung», da dieser auf der Wannsee-Konferenz benutzte Begriff für das
Vorhaben der planmäßigen Auslöschung einer gesamten
Bevölkerungsgruppe als solche steht.
Dass dieser Begriff dennoch in linken Medien
auftauchte, war ohne Zweifel nicht antisemitisch, also durch Abneigung und Hass
gegen Juden, motiviert. Es handelte sich vielmehr um den Versuch, die radikale
Kritik und Empörung über die Vorgänge in einem besonders durchschlagkräftigen
Begriff zu bündeln. Der benutzte Begriff sprach in diesem Falle dem Staat Israel
die stärkste moralische Dimension seiner Eigendefinition – die Berufung auf die
Staatsgründung infolge von Judenverfolgung und Holocaust – ab und stellte dessen
Sichtweise auf sich selbst radikal in Frage. Deshalb schien er von besonderer
Wirkung zu sein. Auch der linke deutschsprachige jüdische Poet Erich Fried
reagierte um dieselbe Zeit ähnlich, indem er in einem Gedicht folgende Zeilen
schrieb: «Die kommen immer wieder,
die sind immer noch da / Ich habe Hitler gesehen / Er rief Shalom und spielte
Holocaust / Im Libanon.» Dennoch war der historische Vergleich nicht nur in der
Sache falsch, sondern er hatte objektiv zur Wirkung, in Deutschland die
historische Realität des Holocaust zu relativieren, ja ihre Aufrechnung gegen
aktuelle Verbrechen des «Staats der Opfer» möglich zu machen. Wer also in
Deutschland «endlich nichts mehr von den Verbrechen gegen die Juden hören»
wollte, brauchte sich nur darauf zu berufen.
Rechtsradikale Judenhetze
unerheblich?
In den Jahren nach 1968 und noch bis circa 1989 war
der «Antiimperialismus» eine wesentliche Komponente der Kritik, die durch
die (radikale) Linke an der herrschenden Gesellschaftsordnung vorgebracht wurde.
Dies in dem Sinne, dass man in der Linken davon ausging, die herrschende
Weltwirtschaftsordnung habe einerseits dafür gesorgt, dass die Menschen in den
westlichen Industrieländern (den «Metropolen») aufgrund der Überausbeutung von
Rohstoffen und Arbeitskräften in den ehemaligen Kolonien und Dritte-Welt-Ländern
einige soziale Zugeständnisse erhielten. Dadurch werde die «soziale Frage» in
den Kernländern des Kapitalismus ruhig gestellt. Andererseits aber erlaube es
die Tatsache, dass die «Dritte Welt» in Bewegung gekommen war - etwa im
Zusammenhang mit den Entkolonialisierungskämpfen wie in Algerien, oder dem
Vietnamkrieg -, von dort her die herrschende Weltordnung aufzubrechen. Die
radikaleren Strömungen, von wesentlichen Teilen der APO bis hin zur RAF,
verstanden es als ihre Aufgabe, diesen Impuls «in die Metropolen» zu holen.
Ähnlich, wie US-amerikanische Linke (agitatorisch zugespitzt) während des
Vietnamkriegs die Parole ausgaben: «Bring the war
home!»
Ab den 80er Jahren fing diese Vision an, zunehmend
in Frage gestellt zu werden. Die große Welle der Entkolonialisierung war vorbei, und die Regime
in den dabei entstandenen jungen Staaten hatten sich in der Regel stabilisiert.
Der «emanzipatorische Überschuss» an sozialen Veränderungswünschen, die mit
der Entkolonialisierung verknüpft wurden und der über die pure Staatsgründung
hinaus reichten, war oftmals verpufft. Überdies begann ab Mitte der 80er Jahre
der Zusammenbruch des «realsozialistischen Lagers», das bis dahin ein objektiver
Bündnispartner für die frisch entkolonialisierten Staaten (von neu geknüpften
Wirtschaftsbeziehungen bis zur gemeinsamen Stimmabgabe in den
UN-Generalversammlungen) gewesen war und es ihnen oft erlaubte, den
wirtschaftlichen Anpassungszwängen des Weltmarkts ein Stück weit zu entfliehen.
Der ökonomische Zwang des Weltmarkts war dabei durch politische Bündnisse,
zwischenstaatlichen Handel (oftmals mit Subventionen für die ärmeren Länder
verbunden) und die Einbindung in den Comecon als «zweiten Weltmarkt» ersetzt
worden. Sicherlich war auch dies nicht immer nur zum Vorteil der
Dritt-Welt-Länder, da auch der sowjetische Block nicht uneigennützig handelte,
wobei Letzterer allerdings nach politischer Einflussnahme und nicht nach
Kapitalakkumulation durch Überausbeutung von Arbeitskräften und Rohstoffen
strebte. Aber die Konkurrenz zwischen zwei rivalisierenden Großblöcken mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen
hatte den frisch unabhängigen Ländern doch einen erheblich größeren Spielraum verschafft. Dieser war 1989
verschwunden.
Gleichzeitig setzte innerhalb der europäischen
Linken ein massiver Abschied von der «antiimperialistischen» Weltsicht und die
Suche nach neuen Orientierungspunkten ein. Begonnen hatte dieser Prozess schon
früher, da die platteste Form des «Antiimperialismus» - eine Sichtweise, die die
Welt in ein Gut-Böse-Schema von Nord und Süd als binäres Gegensatzpaar von
Unterdrückern/Unterdrückten einteilte und innerhalb der «unterdrückten Länder»
nicht zwischen progressiven und reaktionären Kräften unterscheiden mochte –
schon 1979 ihren Super-GAU erlebt hatte. Damals hatte man binnen weniger Monate
den wirklichen Charakter des zu Anfang jenes Jahres gestürzten Regimes von Pol
Pot in Kambodscha, und des frisch an die Macht gekommenen Khomeini-Regimes im
Iran erfahren. Darum auch taumelte der westdeutsche Maoismus um dieselbe Zeit in
eine tödliche Krise. Andere, intelligentere Varianten desselben politischen
Ansatzes überlebten noch länger. Aber mit dem Ende der bipolaren Weltordnung
kamen auch sie auf den Prüfstand. In der Linken der deutschsprachigen Länder
bildete zudem die kritische Aufarbeitung der vergangenen «Sündenfälle» im
Hinblick auf die Wahrnehmung der israelisch-arabischen Konflikte – wie etwa die
Endlösung der Palästinenserfrage – und die Selbstkritik von
ehemaligen Angehörigen der bewaffneten Linken der 1970er Jahre[18] einen Katalysator bei diesem Wandel der
grundsätzlichen Weltsicht.
Übrig geblieben ist, jedenfalls in den
deutschsprachigen Ländern, ein im Vergleich zu den radikaleren Linksströmungen
der 70er und 80er Jahre recht klägliches Häufchen von sich primär
«antiimperialistisch» bestimmenden Gruppen und Publikationsorganen. Durch ihren
teilweisen Einfluss auf die Berliner Tageszeitung junge Welt verfügt
diese Strömung jedoch immer noch über einen nicht unbeträchtlichen
publizistischen Einfluss.
Die politische Schwierigkeit, die Wirklichkeit im
Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt ausschließlich durch das Prisma des Imperialismus – also der
internationalen Ordnung, der Hierarchien zwischen Nord und Süd – zu
betrachten und dabei andere Faktoren völlig unberücksichtigt zu lassen, zeigen
die jüngsten Äußerungen der «Antiimperialistischen Koordination» (AIK).
Diese relativ kleine Gruppierung, die in Österreich ansässig ist, dürfte den
Resten der einstmals mächtigen «antiimperialistischen» Unterströmung ihren
(inhaltlich) zugespitzesten Ausdruck verleihen. In einer Auseinandersetzung mit
der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), die in ihrer Mehrheit weitaus
nuanciertere Positionen vertritt, während ein neostalinistischer
Minderheitsflügel den Positionen der AIK nahe steht, schreibt die Koordination
Anfang August 2006[19]: «Dass allein die (Anm. d. Verf.: rechtsradikale)
FPÖ die Forderung nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen erhebt, wird hier
zur willkommenen Ausrede für die De-facto-Deckung Israels und seiner
Kriegsverbrechen. Unter ‘rechts’ wird im Allgemeinen die Verteidigung der
sozialen Ungerechtigkeit, der Chauvinismus, die Herrschaft der Eliten
verstanden. So ist die israelische Apartheid gegen die Palästinenser der
Inbegriff von ‘rechts’, genauso wie seine imperialistischen Unterstützer in den
USA und in Europa.» Im Anschluss wird dann über einen Bündnispartner ausgesagt:
« Dieser kümmert sich tatsächlich wenig (um) schal gewordene Demarkationen
zwischen links und rechts, deren Denominationen aber allesamt den Zionismus und
das American Empire anerkennen und aktiv verteidigen.»
Die Motive der «Antiimperialisten» decken sich
durchaus nicht mit denen der österreichischen Rechtspopulisten und
Rechtsradikalen von der «Freiheitlichen Partei» FPÖ. In ihrem Text wird die
Situation Israels und der Palästinenser vor allem durch das Raster des
europäischen Kolonialismus sowie des Vergleichs der Situation von Israelis und
Palästinensern mit dem Nebeneinander von Schwarzen und Weißen in Südafrika betrachtet. Völlig abgesehen von der
Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Darstellung, muss sie doch in jedem Falle
als Motivation der Autoren ernst genommen werden: Sie analysieren die Situation
im Nahen Osten tatsächlich durch diesen historischen Vergleich. Darum kann man
ihnen auch keinen Hass auf die Bewohner Israels «als Juden» unterstellen, da sie
ihre Situation ähnlich wie jene der Europäer in der französischen
Siedlungskolonie Algerien oder der Weißen in Südafrika (deren Gegner jene auch nicht zu
vernichten, sondern neue Beziehungsformen mit ihnen und zwischen weißen und nicht-weißen Bevölkerungen zu erzwingen suchten) wahrnehmen.
Aber als vollkommen blind muss ihr Auge dort erscheinen, wo nicht einmal mehr
wahrgenommen wird, dass Andere, zum Beispiel die österreichischen
Rechtsradikalen (oder in anderen Fällen auch islamistische Ideologen), völlig
andere Betrachtungsweisen und Motive haben und die Einwohner Israels eben sehr
wohl – auch oder vorwiegend - als «Juden» wahrnehmen. ¨
So hat der österreichische Rechtspopulist Jörg
Haider – der ehemalige Chef der oben zitierten FPÖ, der sich allerdings
inzwischen von ihr mit einer eigenen Partei (dem «Bündnis Zukunft Österreich»
BZÖ) abgespalten hat – wenige Tage später klar gestellt, wie er die Dinge
sieht[20]. Er warf Israel vor, nach dem Prinzip «Auge um
Auge, Zahn um Zahn» vorzugehen, bezog also seine Kritik tatsächlich auf Sätze
aus dem Alten Testament und damit nicht auf eine konkrete Politik von heute,
sondern auf das Judentum und seine Glaubenssätze «an sich». Ferner attackierte
Jörg Haider den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in
Wien, Ariel Muzicant – den er bereits früher aus anderen Motiven angegriffen
hatte – als «einen jener zionistischen Provokateure im Westen». Sein
Parteivorsitzender in der Steiermark, Gerald Grosz, forderte nach dem Tod eines
österreichischen UN-Soldaten im Südlibanon durch israelischen Beschuss «ein Wort
des Bedauerns und der Verurteilung durch die Kultusgemeinde». Damit kritisierten
die beiden BZÖ-Politiker eben nicht nur eine konkrete Staatspolitik im fernen
Nahen Osten, sondern richteten ihre Kritik in einer Weise an die in Österreich
lebenden Juden, als ob diese in irgend einer Form für die Politik der
israelischen Entscheidungsträger verantwortlich seien. Auch wenn die
IKG-Funktionäre diese sicherlich verbal unterstützen mögen, sind sie für diese
Politik genauso wenig verantwortlich wie alle anderen Befürworter des
israelischen Vorgehens außerhalb dieses Staates. Insofern ist klar, dass das Vorgehen
der Rechtspopulisten antisemitische Reflexe widerspiegelt oder bedient. Vor
diesem Hintergrund die notwendigen Abgrenzungen als «schal gewordene
Demarkationen» nach Rechts abzutun, zeugt von einer tatsächlichen Blindheit für
präzise Gefahren.
In abgeschwächter Form, aber mit ähnlicher
inhaltlicher Grundausrichtung kommentiert auch der regelmäßige Leitartikelautor Werner Pirker (der vom
neostalinistischen Minderheitsflügel der KPÖ kommt) das Geschehen im Nahen Osten
in der jungen Welt. Ohne die Nähe der schiitischen Hizbollah-Bewegung zum
iranischen Regime und andere kritikwürdige Punkte zumindest zu thematisieren,
bezeichnet Pirker in einer Schwarz-Weiß-Sicht auf Gut und Böse im Libanonkrieg die islamistische
Miliz umstandslos als «lebendigsten Teil der libanesischen Demokratie, de(n)
sich auf die Masse der Unterprivilegierten stützenden nationalen
Widerstand»[21]. Kurios ist ferner, wie Pirker die Rolle Russlands
darstellt. Unkommentiert gibt er auf der Seite Eins der Zeitung als oberste
Nachricht zu Protokoll[22]: « Mit scharfen Worten kritisierte Russland
Israel. Dessen Gewalt im Libanon mit Hunderten von Toten und Hunderttausenden
Flüchtlingen gehe ‘weit über die Grenzen einer Antiterroroperation hinaus’. Das
russische Außenministerium forderte einen sofortigen Waffenstillstand.»
Nicht erwähnenswert findet der Journalist dabei, dass Russland in den letzten 12
Jahren in Tschetschenien in einer Weise wütete, die sogar das israelische
Vorgehen im Libanon noch in den Schatten stellt. Des Rätsels Lösung liegt darin
begründet, dass Pirker, der vor 1987 Korrespondent der damaligen KPÖ-Zeitung
Volksstimme in Moskau war und als russophil gelten muss, von der
Wiederauflage einer «antiimperialistischen Allianz» wie zu sowjetischen Zeiten
träumt. Mit dem Unterschied, dass es sich damals um «Realsozialisten» und
arabische Linksnationalisten handelte, aber heute um ein nicht-sozialistisches
autoritäres Regime in Russland und um islamische Fundamentalisten bzw. (im Falle
der Hizbollah eher) Islamo-Nationalisten handeln würde.
«Antideutsch» mit fliegenden Fahnen für den
Krieg
Auf der anderen Seite des (im weitesten Sinne)
linken oder gesellschaftskritischen Spektrums, aber den «Antiimperialisten» - in
denen sie das Schlimmste überhaupt erblicken, kurz hinter den Nazis, wenn nicht
auf gleicher Höhe mit ihnen - spinnefeind gesonnen, findet man in den letzten
Jahren die so genannten Antideutschen. Bei ihrer Ideologie handelt es sich um
eine angeblich besonders radikale, gesellschaftskritische Theorie. Welchselbige
sich freilich dadurch auszeichnet, dass sie zu den allermeisten Themen und
Problemen der heutigen Welt (ökologische oder Klimakatastrophe, neue
Arbeitsformen, Industrialisierung der VR China, ...) schlichtweg nichts zu sagen
hat und sich auch nicht dafür interessiert, sondern lediglich ideologie- und
besonders moralgetränkte automatisierte Reaktionen auf ein paar Reizbegriffe
(Juden/Israel, Islam, USA/Antiamerikanismus) bündelt.
Robert Misik portraitierte sie jüngst mit folgenden
Worten[23] in der taz, wo ansonsten übrigens auch
Vertreter dieser Strömung während des Libanonkriegs zu Wort gekommen sind:
«...und immer mit dabei (Anm. d. Verf.:bei den Befürwortern des Krieges im
Libanon) die ‘Antideutschen’, diese groteskeste Narrentruppe deutschen
Schuldkomplexes, die als Ergebnis der Gleichung ‘Deutsche böse = Opfer der
Deutschen gut = Gegner der Opfer böse’ zu einer ebenso krausen wie strammen
proamerikanischen, proisraelischen und antimuslimischen Linken geworden
sind.»
Diese Präsentation ist äußerst vergröbernd. Zumal sie nicht die Hintergründe der
Entstehung dieser Strömung oder eher Gesinnungsgemeinschaft, die in keinem der
Nachbarländer (mit Ausnahme von Österreich) auch nur annähernd Ihresgleichen
findet, beleuchtet.
Geburt einer Ideologie
Die heute so bezeichneten «Antideutschen» - während
der ersten Jahre sprach man noch eher von «Antinationalen», aber später wurde
die Wortwahl zwischen beiden Begriffen zum Distinktionsmerkmal[24] - entstanden zunächst u.a. als Reaktion auf alte
Orientierungen und Irrtümer der Linken, wobei die Protagonisten diesen ein um
180° Grad entgegengesetztes Extrem folgen ließen. Die Geburt ihrer Ideologie widerspiegelt zuerst den
Paradigmenwechsel, der in den späten 80er Jahren infolge der Umbrüche in der
internationalen Ordnung und der Infragestellung des bislang dominierenden
Orientierungselements des Antiimperialismus eingesetzt hatte. Zum Zweiten hatte
sich - aus Sicht vieler verbliebener radikaler Gesellschaftskritiker - im Laufe
jenes Jahrzehnts mit dem Aufstieg der grünen Partei, und ihrer Entwicklung im
politischen System der Bundesrepublik, eine «Anpassungstendenz» durchgesetzt.
Ein Trend, der viele ehemals radikale Linke dazu brachte, ruhigen Gewissens
ihren Frieden mit dem System zu machen und zu Besserverdienden aufzusteigen.
Jene, die diese Entwicklung nicht mitmachen wollten, fanden sich 1988/89 zum
Teil in einem lockeren Bündnis namens «Radikale Linke» (RL) zusammen. Unter
ihnen wurde von manchen die Vorstellung kultiviert, nach den (in kritischer
Absicht gesprochenen) Worten eines Beteiligten, als Häuflein der letzten
Aufrechten «der Fels in der Brandung» zu sein.
Hinzu kam zum Dritten eine ausgeprägte Furcht, die
mit dem Fall der innereuropäischen Blockgrenze und dem Zusammenbruch der DDR
1989/90 einher ging. Zusammen mit dem Eindruck eines historischen Scheiterns vor
dem Hintergrund des Trends hin zu «Rot-Grün» (der 1989 in der westdeutschen
Linken unüberwindbar stark geworden zu sein schien[25]) sahen sich die zurückgebliebenen
Gesellschaftskritiker nun erst recht beunruhigt. Ja, manche wurden von fast
existenzieller Panik erfasst. Die massenhafte Zustimmung zur Vereinigung der
beiden deutschen Staaten in der Noch-DDR, die sicherlich in der Realität auch
ausgeprägte ökonomische Triebkräfte hatte, wurde in erster Linie als
Massenmobilisierung zugusten des deutschen Nationalismus betrachtet[26]. Wohin die Entwicklung führen würde, schien offen,
ein heraufziehendes «Viertes Reich» nicht ausgeschlossen, zusammen vielleicht
mit gewaltsamen Grenzverschiebungen in Osteuropa nach dem Ende des «Eisernen
Vorhangs». Tatsächlich kam es vor allem in den Anfangsjahren nach dem
Zusammenschluss von BRD und DDR nicht nur zu einer Welle von nationalistischen
und rassistischen Manifestationen, sondern auch zu massenhafter Gewalt gegen
Einwanderer vor allem im Zusammenhang mit der so genannten «Asyldebatte» (1991
bis 93). In Hoyerswerda (1991) und Rostock (1992) verbrannten Gebäude, in Mölln
(1992) und Solingen (1993) dann auch Menschen.
Einen Bezug zu Israel und den Konflikten im Nahen
Osten hatte dies zunächst nicht unmittelbar; es bekam ihn aber im Laufe des
Golfkriegs von Januar/Februar 1991. In den ersten Tagen der Flächenbombardierung
des Iraq – die ungefähr 150.000 Menschenleben kostete - antwortete die dortige
Diktatur auf die Offensive der von den USA geführten Kriegskoalition, indem sie
Scud-Raketen (sowjetischer Bauarbeit, aber mit Hilfe des deutschen
Thyssen-Konzerns aufgemotzt) auf militärische Stellungen in Saudi-Arabien und
dann auch auf das Staatsgebiet Israels abfeuern ließ. Die dort, in Israel, entstandenen Schäden waren damals
vergleichsweise gering, sieht man von zwei bedauernswürdigen Todesopfern
ab[27], und stehen in keinem Verhältnis zu den jetzigen
Auswirkungen des Beschusses mit Katjuscha-Raketen durch die Hizbollah im
Juli/August 2006. Aber in ihrer Wirkung sollten sie vor allem dazu dienen, die
Meinung der Straße in vielen arabischen Ländern zugunsten des iraqischen
Regimes zu mobilisieren, indem die Konfrontation ausgeweitet wurde.
Verbal drohte der iraqische Präsident Saddam Hussein später damit, die (wenig treffsicheren) Raketen beim nächsten Beschuss mit Giftgasköpfen zu bestücken. Militärisch war er dazu mutmaßlich nicht in der Lage, da die Verlängerung der Reichweite dieser Kurzstreckenraketen durch Thyssen auf Kosten ihrer Trägerkapazität ging; und die US-Streitkräfte bemühten sich um eine rasche Ausschaltung der Scud-Abschussrampen bei ihren Luftangriffen. Aber verlassen wollte man sich darauf in der israelischen Bevölkerung nicht, zumal fest stand, dass das iraqische Regime zum damaligen Zeitpunkt C-Waffen besaß: Es hatte 1988 Giftgas gegen Kurden im Nordiraq eingesetzt. (Wogegen in Westdeutschland nur kleine Gruppen, u.a. linke und internationalistische Gruppen am Rande der breiten Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung, protestierten, während der Iraq die technologischen Grundlagen dafür u.a. aus der BRD bezogen hatte. Jene aber, die zu Anfang des Jahres 1991 in der deutschen Öffentlichkeit lautstark an den Giftgaseinsatz von 1988 erinnerten, um den durch die US-dominierte Allianz geführten Golfkrieg zu unterstützen, hatte man damals nicht auf der Stra